Das bumsfidelste Fernseh-Ranking

Im Ranking der Sender, die am meisten ranken, hat das Dritte Programm des NDR ("Die beliebtesten Schauspieler des Nordens", "Die größten Komiker im Norden", "Die Kultautos der Deutschen", "Die größten Modesünden", natürlich "Top Flops - Die lustigsten Fernsehpannen" in mehreren Teilen u.v.a.m.) die Nase ganz vorn dabei. Nun wurden bereits die "Besten deutschen Filme" bekannt gegeben, die der NDR an einem Samstagnachmittag im März seinem Publikum vorstellen wird.

Dafür dass "Das Boot" Platz 1 belegt, dürften die im Norden ansässigen alten Seebären gesorgt haben. Mehr noch als Platz zwei für Murnaus "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" (einen Stummfilm also, den der NDR nur ungern über den Sender laufen lassen würde), überrascht auf Platz 5 der "Schulmädchen-Report - Was Eltern nicht für möglich halten". Die norddeutschen Cineasten kommentieren: "Heute sind sie schon wieder Kult - als bumsfideler Seventies-Trash mit klasse Soundtracks". Da RTL die (mittlerweile von Kinowelt auf DVD angebotenen) "Reports" ja schon lange nicht mehr sendet - vielleicht wär das eine neue Farbe, die NDR-Chefredakteur Volker Herres als künftiger Programmdirektor ins öde Spielfilmangebot der ARD bringen könnte.


Wunder gibt es immer günstiger

Screenshot: shop.zdf.de
Nico Hofmann spricht jetzt gern von einer "anderen Art von Realismus"... und tatsächlich hatte sich das teamworx'sche "Wunder von Berlin" über seine über 100-minütige Dauer weitgehend den bisher üblichen teamworx-Realismus verkniffen. Dass Heino Ferch (ohnehin in Umkehrung einstiger Muster) im Film ein Mann zwischen zwei Frauen war, Gesine Cukrowski und Veronica Ferres, hat bloß eine einzige Szene am Ende des Films angedeutet. Die späte dramatische Verdichtung des ohnehin dichten Beziehungsgeflechts, wonach sich der militärische Vorgesetzte (André Hennicke) des jungen Protagonisten überdies als Vater der Freundin desselben jungen Protagonisten entpuppte, hätte man eigentlich auch weglassen können; das spielte sowieso kaum eine Rolle. Umso unwürdiger das abrupte Ende, dass das ZDF seinem Film bereitete. Kaum dass Opa Gwisdek im Schwarzweißfernseher Livebilder vom Enkel im Mauerfall-Jubel sah, schnitt ein schneidiger ZDF-Marktschreier den Wunder-Nachhall mit Hinweisen auf Knopp und Shop ab. Guido Knopps "ZDF history" ist das tolle Magazin, dessen Vorspann (in dem sich exakt zwei Celebritys identifizieren lassen: Guido Knopp und Marilyn Monroe) an die "Focus"-"Fakten, Fakten, Fakten"-Spots erinnert und dessen Inhalte mitunter als Gimmicks auf dem "Spiegel" kleben. Gestern gab es eine Doku zum "Wunder von Berlin", die eigentlich prima als Bonusmaterial auf die "Wunder von Berlin"-DVD passen würde. Aber Achtung, auf der DVD, die sich in Kombination mit dem Buch zum Film gerade "mit 10%-igem Preisvorteil gegenüber dem Einzelkauf!" im ZDF-Shop bestellen lässt, ist die Knopp-Reportage noch nicht enthalten.


Impression aus Marl II

© Nancy Krahlisch
Nach Diskussionen fast bis zum Sonnenaufgang (Foto) sind die Grimme-Preis-Nominierungen beschlossen und nun verkündet. Siehe Netzeitung; alle Nominierungen beim Grimme-Institut (PDF).


Die, hmpf, Weisheit der vielen Algorithmen im Internet

Unter aufmerksamkeitsökonomischen Gesichtspunkten war es eine tolle Entscheidung der Verlagsgruppe Holtzbrinck, den Herren von der "Zeit" zu befehlen, sich auf das hoch spannende Feld der Videoblogs zu begeben, wie sichtlich unangenehm ihnen das auch sein mag. Der bedauernswerte Spätfeuilletonist Jens Jessen ist jetzt auch bei Youtube zu haben. Direkt daneben empfehlen die kollektiven Filter Filmchen, die die NPD aus RTL-Bildern montiert hat ("Heute töte ich einen Deutschen"). Als ich mich hingegen kürzlich auf der RTL-Webseite über die neueste der zahlreichen Günter Jauch-Shows informieren wollte, "Die Weisheit der vielen", bekam ich am Rande Werbung für eine DVD zu sehen.
Genaueres Hinsehen ergab, dass es sich beim Film nicht um "Die 120 Tage von Sodom", sondern bloß um "Die 120 Tage von Bottrop" ("Die Überlebenden der alten Fassbinder-Zunft haben sich zusammengetan, um auf dem Potsdamer Platz unter Sönke Buckmanns Regie ein Remake von Pasolinis '120 Tage von Sodom' zu drehen") handelte â€" auch das aber ein Film, den Programmplaner der ganzen RTL-Group ihrem Quotenmess-Publikum ganz bestimmt gar nicht vorsetzen würden, weil das ihn nicht sehen wollen würde.
Wer platziert solche Werbung neben Jauch? Das Auge des Betrachters, also die Cookies auf meinem PC? Die Weisheit der Algorithmen? Etwas beruhigend: Inzwischen empfängt mich auf derselben Seite top-RTL-affine Werbung. Für "Das Insektenkochbuch" ("Für diese Speisen benötigen Sie Mut!").


Der Film von Dornfeld

Über Tippfehler mokiert man sich eigentlich natürlich nicht, zumal seit es das Internet gibt. Aber wenn sich eine so erfolgreich (zurecht) den eigenen Anspruch vermarktende Wochenzeitung wie "Die Zeit" in einem immer so ostentativ Gebildetheit durchblicken lassenden Ressort wie dem Feuilleton einen so sprechenden Tippfehler erlaubt - und den nach der üblichen Anstandsfrist auch noch online stellt - kann man ja mal drauf hinweisen.

Die Kritik zum Fernsehvielteiler "Krieg und Frieden" wirkt ein wenig hin- und hergerissen zwischen dem alten Feuilletongedanken, dass fernsehen schlechter als lesen ist, und dem ähnlich alten Feuilletongedanken, dass die, die fernsehen, aber schon am liebsten Literaturverfilmungen gucken sollten. Der Name des Regisseurs Robert Dornhelm (Ã-sterreicher, interessanter Mann, hat u.a. einen ganz guten Anne Frank-Fernsehfilm in den USA gedreht) sagte dem Rezensenten offenbar nicht viel, was keinesfalls schlimm ist. Um das ausladende Werk, dessen Sounddesign so authentisch klingt wie ein Hörbuch fürs Autoradio in den Geländewagen, mit denen "Zeit"-Leser morgens ins Büro fahren, halbwegs gelassen zu ertragen, dürfte eine gute Flasche Dornfelder jedenfalls helfen. Auch wenn Wolfram Siebeck wahrscheinlich mit den Augen rollen müsste.


Kaum zu glauben, aber wahr...

... Fritz Wepper war nicht bloß vor langer Zeit einmal ein guter Schauspieler, sondern könnte womöglich immer noch einer sein. Und das ist nur eine der atemberaubenden Thesen im sehr lesenswerten Heike-Melba Fendel-Text über die Abschaffung der Schauspielerkunst durch das Fernsehen. An dieser Stelle übernimmt Wepper den Job, die Weihnachtspause bis irgendwann Anfang 2008 zu illustrieren, und zwar in einer Szene (© MDR/ DEGETO/ Graf Film/ A.Fischer) aus Joseph Vilsmaiers Film "Das Weihnachts-Ekel", der zuletzt am 17.12. im Programm des MDR zu sehen war, aber wie alle Degetofilme sicherlich auch in der nächsten Weihnachtssaison wieder in den Dritten Programmen sowie anderen ARD-Kanälen rotieren wird.


Sieht doch gut aus

Screenshot: ZDF
"Das Publikum ist im Bereich der Krimiserie für deutsche Produktionen verloren gegangen. ... Im seriellen Bereich fasziniert die amerikanische Wirklichkeit oder eben das, was sich der deutsche Zuschauer durch US-Serien unter amerikanischer Wirklichkeit vorstellt. Die deutsche Realität ist nicht sexy genug. Das sehe ich regelmäßig bei meinen Studenten, die sich von der Ästhetik eines 'CSI' magisch angezogen fühlen. Auch weil es eine andere Umgebung darstellt als die, in der man lebt..." Das sagt Nico Hofmann bei "dwdl.de" und hat wahrscheinlich recht. Eine deutsche Krimireihe allerdings gibt es, die völlig andere Bilder von deutschen Krimischauplätzen zeigt, und auch eine ziemlich andere Erzählweise pflegt. "Nachtschicht" im ZDF sieht super aus, selbst wenn sie z.B. die in der Realität eher triste, vom entsetzlichen Autobahnzubringer Stresemannstraße durchpflügte Hamburger Gegend zwischen Altona, Eimsbüttel und St. Pauli zeigt.
Trotzdem oder deshalb, "Nachtschicht" (Fotos aus der neuen Folge "Ich habe Angst", die am 28.1.2008 läuft; die neue Webseite der ZDF-eigenen Produktionsfirma "Network Movie" lässt schon laang auf sich warten) ist so urban wie keine andere deutscher Krimi.


Accent grave und Deppenapostroph

Jo Groebel, der Direktor des bekannten "Deutschen Digital Instituts", hat eine eigene Fernsehsendung, und zwar auf dem zumindest in Berlin etwas bekannten Fernsehsender FAB. Es handelt sich um eine womöglich monatlich und zumindest schon einmal mit dem beliebten Talkshowgast Ildikó von Kürthy (auch Talkshowgastgeberin) ausgestrahlte Talkshow unter dem wie für Talkshows gemachten Titel Déjà:vu. "Interessante Personen der Zeitgeschichte berichten dem weltweit anerkannten Medienwissenschaftler", so geht das Konzept, "über ihre ganz persönlichen „Déjà:vu`s“ und deren Folgen".


Impressionen aus Marl

Man fühlt sich nicht uneingeschränkt wohl dabei, in Marl-Mitte im Herbst zu fotografieren, weil man unterstellt, wer einen dabei sieht, müsste unterstellen, man fotografiere nicht aus dem gängigen, mehr oder weniger ästhetischen Interesse. Dabei ist Marl eine faszinierende Stadt.
Diese Ansicht eines Turms des Rathauses ist etwas gemein. Das hat aber mit dem Wetter zu tun.


"Sie braucht ihr Bett nicht mehr zu machen"

...sagt der Erzähler schneidig aus dem off, während im Bild die Einwohnerin Hamburg-St. Paulis kurz überlegt, ob sie ihr Bett richten soll. "Sie lebt ja nur noch drei Stunden", erklärt der Erzähler dann. Das klingt brutal und unterscheidet sich ziemlich von der Gefühligkeit der Gegenwartskrimis, in denen jede Menge Fernsehkrimimorde nur darum geschehen, dass die Kommissare halt Fälle zum Lösen haben. "Stahlnetz", die Serie aus der die Szene stammt, ist dagegen nicht nur schwarzweiß, sondern noir, und derzeit der vielleicht beste Grund, den Sender 3sat einzuschalten. Dort läuft die Serie seit einiger Zeit anstatt der jahrelang gesendeten "Der Alte"-Folgen sonntagsabends.

Szene aus der "Stahlnetz"-Folge "Ein Toter zu viel", die das NDR-Fernsehen (©) am 18.12. um 23.45 Uhr zeigt; 3sat hat zu "Stahlnetz" keine Pressefotos im Angebot
Leider wurde "Stahlnetz" still und leise ins Programm gehoben und ist auch im Internetauftritt von 3sat (der andererseits Filmfans immer noch mit einem Überblick über Filmreihen erfreut, die 3sat anno 2000 sendete), kaum behandelt - vielleicht weil "Stahlnetz" aus dem ARD-Fundus stammt und das federführende ZDF 3sat gern für sich allein hätte. Schade. Und wenn man schon mal bei 3sat surft: Das aktuelle Spielfilmangebot besteht aus Werken wie "Wenn die Heide blüht" und "Killer kennen keine Gnade" - Filmen, die sowieso dauernd in den vielen öffentlich-rechtlichen Semivollprogrammen rotieren, weil immer noch eine weitere Lizenz zum Abspielen frei scheint. Dass der oft so bemühte "anders fernsehen"-Kultursender dadurch mehr Kontur gewönne, lässt sich aber nicht sagen.