Rasche Rückschau auf "die Kulturentwicklung seit den 90er Jahren": "In den 90er Jahren genießt man die Spaßgesellschaft in vollen Zügen. Man hat das Gefühl, dass alles möglich ist..."
Dann aber: "Der 11. September, Irak- und Afghanistan-Kriege erschüttern die Spaß- und Profilierungsgesellschaft und bringen ihre Kehrseiten zum Vorschein: Plötzlich merkt man, dass man den Halt und die Orientierung verloren hat. ... Mit und nach dem 11. September stellt sich eine Sehnsucht nach echtem Leben ein. Man erkennt plötzlich das Hamsterrad, in dem man sich jahrelang befunden hat und will ihm entfliehen. Dazu fehlt aber zunächst das entsprechende Handwerkszeug und lange Zeit bleibt es beim Hoffen und Sehnen." Das neue Jahrtausend bricht herein, und "mit der WM 2006 geht dann endlich ein echter Ruck durch Deutschland. ... Zumindest temporär gelingt es, dem alltäglichen Hamsterrad zu entfliehen und einem übergreifenden Gemeinsinn zu folgen. Jeder Einzelne hat dabei das Gefühl, gerade durch seine Mitwirkung einen Beitrag geleistet zu haben, dass die Deutschen Weltmeister der Herzen geworden sind".
Und wer übernimmt den Job, "die beglückenden WM-Erfahrungen" "in den Alltag" zu retten. "Das leisten vor allem Formate wie 'Das perfekte Dinner'".

"Das perfekte Dinner" © VOX/Granada/Sabrina Petzgen
Es ist ganz große Kulturkritik, die die Autorin Stephanie Nickel im
PDF-Newsletter (S. 4) des
nach eigenen Angaben für seine "qualitativ-psychologischen Wirkungsforschung" besonders renommierten Rheingold-Instituts aus Köln auf wenigen, irreduziblen Zeilen aus dem Ärmel schüttelt. Würde jemand einwenden, die Argumentation mute ein wenig schizophren an, so würde das Rheingold-Institut
entgegnen, dass "die Konsumenten von heute" eben "schizophrene, multiple Persönlichkeiten" sind.
Weiter im Text, der nun also um die Vox-Show
"Das perfekte Dinner" kreist:
"Man fühlt sich als Teil der Gemeinschaft, sitzt wie ein 6.Teilnehmer mit den Kandidaten am Tisch. Dabei geht es nicht um das Kochen selber, sondern mehr um eine Mini-WM in perfektem Gastgeben. Die Zuschauer überprüfen ihre eigenen sozialen Bewirtungs-Strategien."
Man könnte es vielleicht auch so formulieren, dass die Hobbyköche im "Perfekten Dinner" und ihre Zuschauer, offenbar eine recht homogene Gruppe, gemeinsam als perfekte Wirtstiere einen Beitrag fürs Hamsterrad der alltäglichen Vorabendunterhaltung leisten. Der Wermutstropfen aber, den Stephanie Nickel den beglückten Lesern wenige Zeilen später, am Ende des Textes, ins Dessert schüttet, ist auch nicht übel:
"Zwar ist die Sehnsucht in unserer Kultur, selber etwas anzurichten, aktuell groß, viele bleiben aber noch auf dem Sofa (und vor Formaten wie 'Das perfekte Dinner') sitzen…"