Im Sinne Poppers

Irgendwie toll, dass es an der Spitze öffentlich-rechtlicher Sender noch Presönlichkeiten gibt, die bei Präsentationen ihrer Programmkonzepte einfach mal so die "Werte der offenen Gesellschaft im Sinne Poppers" einstreuen, ohne erklärend hinzuzufügen, dass sie einen Philosophen meinen und nicht etwa die Babyshambles (die im nächsten Jahr aber auch bei Arte auftreten sollen). Nein, Arte-Präsident Gottfried Langenstein setzt einfach als bekannt voraus, dass Journalisten Sir Karl Popper kennen. Dass jemand, der die öffentlich-rechtlichen Bildungs-, Kulturaufträge so eloquent verkörpert, immer erstmal im Gespräch ist, wenn irgendwo in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rundfunkanstalten ein Intendantenposten neu besetzt werden muss, liegt auf der Hand. Dass so ein Intellektueller am Ende immer eher nicht in Frage kommt, eine Rundfunkanstalt wie zum Beispiel den NDR zu leiten, wo Jörg Pilawa Doraden in die Kamera hält, unermüdlich gevotet wird (nicht nur "Die lustigsten Fernsehpannen", auch "Die schönsten Weihnachts-Momente im TV"), wo "prominente Flohmarktjäger auf Schnäppchenjagd" geschickt werden und es faktisch zu den vornehmsten Intendanten-Aufgaben gehört, eine Eva Herman von ihren Aufgaben zu entbinden, ... das liegt allerdings auch auf der Hand. Hier mein Interview mit Gottfried Langenstein (Teil 1; Teil 2).


Erlkönig und Erlkönigin

Die beiden Filme, der kurze von Roman Kuhn im Internet, und der 90-Minüter heute im ZDF (siehe Netzeitung), spiegeln die Faszination des Autos von ziemlich unterschiedlicher Seite, haben ansonsten aber gar nichts miteinander zu tun.


Ein Werbefilm u.a. für die "Stern-Shortlist"

Was macht eigentlich Roman Kuhn? Also der Werbefilmer, der in den 90-ern mit mindestens bildsprachlich oder auch darüber hinaus aufregenden Privatsender-Fernsehfilmen wie "Die Schläfer" für Diskussionen sorgte, und dann eher von der Bildfläche verschwand?

Screenshot: "floaded.com"
Kuhn steht inzwischen "im Zentrum einer schlanken und offenen Struktur" bei der Firma "Crossing Pictures" und arbeitet an "Branded Entertainment via Internet". Zu haben ist online bereits das rasante Spielfilmchen "Die Erlkönigin", zu dessen Clous "Brand Buttons" gehören, die es Zuschauern am Computer gestatten, den Film anzuhalten und "Brand Layer" auf ihren Bildschirm zu holen, die es dann kinderleicht machen, zur "Brand-Page" zu gelangen, wo wiederum "Bilder, Texte, kurze Videoclips und weitere Verlinkungen" über so starke Marken wie Mercedes Benz und Canon informieren. Und über die "Stern-Shortlists" auf stern.de. Dass diese Innovation, welche auf so "ausgesprochen amüsante Weise durch die heutige Flut von Musik, Filmen, TV-Serien und Büchern leitet", zu den insgesamt sieben Brands gehört, die "Die Erlkönigin" mitfinanzierten, mag damit zusammenhängen, dass es sich um ein ganz frisches "Internet-Angebot der G+J / UFA Projektbeteiligungs GmbH & Co KG i.G." handelt. Also eines Joint Venture zweier Bertelsmann-Firmen , deren eine eben auch den "Stern" publiziert. Falls Sie sich für diese heutige Flut von Musik, Filmen usw. usf. gar nicht interessieren: "Von Brand Layer zu Brand Layer zu gelangen, ohne die dazwischen liegenden Filmszenen erneut anschauen zu müssen", ist dank "Skip-Funktion im aktivierten Brand-Layer-Modus..." natürlich auch möglich.


Ein Ruck geht durchs Hamsterrad, und Vox wird Weltmeister der Herzen

Rasche Rückschau auf "die Kulturentwicklung seit den 90er Jahren": "In den 90er Jahren genießt man die Spaßgesellschaft in vollen Zügen. Man hat das Gefühl, dass alles möglich ist..." Dann aber: "Der 11. September, Irak- und Afghanistan-Kriege erschüttern die Spaß- und Profilierungsgesellschaft und bringen ihre Kehrseiten zum Vorschein: Plötzlich merkt man, dass man den Halt und die Orientierung verloren hat. ... Mit und nach dem 11. September stellt sich eine Sehnsucht nach echtem Leben ein. Man erkennt plötzlich das Hamsterrad, in dem man sich jahrelang befunden hat und will ihm entfliehen. Dazu fehlt aber zunächst das entsprechende Handwerkszeug und lange Zeit bleibt es beim Hoffen und Sehnen." Das neue Jahrtausend bricht herein, und "mit der WM 2006 geht dann endlich ein echter Ruck durch Deutschland. ... Zumindest temporär gelingt es, dem alltäglichen Hamsterrad zu entfliehen und einem übergreifenden Gemeinsinn zu folgen. Jeder Einzelne hat dabei das Gefühl, gerade durch seine Mitwirkung einen Beitrag geleistet zu haben, dass die Deutschen Weltmeister der Herzen geworden sind". Und wer übernimmt den Job, "die beglückenden WM-Erfahrungen" "in den Alltag" zu retten. "Das leisten vor allem Formate wie 'Das perfekte Dinner'".

"Das perfekte Dinner" © VOX/Granada/Sabrina Petzgen
Es ist ganz große Kulturkritik, die die Autorin Stephanie Nickel im PDF-Newsletter (S. 4) des nach eigenen Angaben für seine "qualitativ-psychologischen Wirkungsforschung" besonders renommierten Rheingold-Instituts aus Köln auf wenigen, irreduziblen Zeilen aus dem Ärmel schüttelt. Würde jemand einwenden, die Argumentation mute ein wenig schizophren an, so würde das Rheingold-Institut entgegnen, dass "die Konsumenten von heute" eben "schizophrene, multiple Persönlichkeiten" sind. Weiter im Text, der nun also um die Vox-Show "Das perfekte Dinner" kreist: "Man fühlt sich als Teil der Gemeinschaft, sitzt wie ein 6.Teilnehmer mit den Kandidaten am Tisch. Dabei geht es nicht um das Kochen selber, sondern mehr um eine Mini-WM in perfektem Gastgeben. Die Zuschauer überprüfen ihre eigenen sozialen Bewirtungs-Strategien." Man könnte es vielleicht auch so formulieren, dass die Hobbyköche im "Perfekten Dinner" und ihre Zuschauer, offenbar eine recht homogene Gruppe, gemeinsam als perfekte Wirtstiere einen Beitrag fürs Hamsterrad der alltäglichen Vorabendunterhaltung leisten. Der Wermutstropfen aber, den Stephanie Nickel den beglückten Lesern wenige Zeilen später, am Ende des Textes, ins Dessert schüttet, ist auch nicht übel: "Zwar ist die Sehnsucht in unserer Kultur, selber etwas anzurichten, aktuell groß, viele bleiben aber noch auf dem Sofa (und vor Formaten wie 'Das perfekte Dinner') sitzen…"


Do you believe in Love?

[Neulich, in der Pressevorführung] Herbert Grönemeyer erkennt man erstmal nicht, und die Typen, die aussehen, als hätte sich Christian Ulmen wieder verkleidet, sind nicht Christian Ulmen. Alexandra Maria Lara wiederum sieht so sensationell unfrisiert aus, dass man erstmal denkt, sie müsse eine Perücke tragen. Spätestens, als sie, die eine Nastassja-Kinski-hafte belgische Hobbyjournalistin spielt, beim Interview "Do you believe in Love?" haucht, erkennt man, dass es Alexandra Maria Lara ist.

Hauptfigur in "Control" ist natürlich Ian Curtis (Sam Riley). Er ist der Sänger von Joy Division, und ein Mann, der zwischen zwei Frauen (darunter Lara) leidet wie ein Hund. Und dabei schön singt, also Joy Division-schön. Regisseur Anton Corbijn ist in schön grauem Schwarzweiß ein Kunststück gelungen, das Menschen, die durchschnittlich viel fernsehen, längst für unmöglich halten: ein berührendes Melodram. Deutscher Kinostart ist erst am 10. Januar 2008.


La Zimmermann die neue Dietrich?

Zumindest stellt das Cover des Bildbandes, mit dem die Ufa jetzt auf ihre wechselvolle Geschichte zwischen den Gründern um General Ludendorff und dem aktuellen Eigentümer, dem Haus Bertelsmann, zurückblickt, Standfotos aus "Der blaue Engel" und dem Sat.1-tearjerker "Die Luftbrücke" nebeneinander. Nein, heißt es auf aber Nachfrage, der Titel solle nicht die Zimmermann in die Nähe Marlene Dietrichs rücken, und nicht einmal Heino Ferch (Foto, r.) auf eine Ebene mit Emil Jannings (Foto. l.) stellen. Immerhin beweist die Ähnlichkeit der Personen-Konstellationen auf den Bildern von einem geradezu Riefenstahl'schen Sinn für ornamentale Symmetrie. Wobei übrigens all die bekannt-berüchtigten Riefenstahl-Filme keine Ufa-FIlme waren, sowenig wie Veit Harlans "Jud Süß", aber auch Fritz Langs "M" und "Das Cabinet des Dr. Caligari". Das denkt man nur womöglich, weil zeitweise alles, was Film war, mit Ufa assoziiert wurde. Das schreibt Hans Helmut Prinzler im lesenswerten Vorwort. Übrigens war Emil Jannings bei den 90 Jahre Ufa-Feierlichkeiten auch dabei und gab aufgeräumt Autogramme.


München-Schwabinger Neo-Spätromantik

Sehr rätselhaft: die fatale Neigung der Constantin-Filmer, jeden ihrer eigentlich ganz netten zeithistorischen Jugendfilme mit einem hochnotalbernen Schluss zu versehen, an dem der männliche Held auf einer Bühne eine Rede halten muss, in der er seine Liebe zur weiblichen Heldin erklärt, die dann unter dem Jubel der anwesenden Massen zum Happy-End zu ihm hinaufsteigt. So hatte die Constantin schon ihren belanglosen, aber anfangs ganz netten 80er-Jahre-Neue-Deutsche-Welle-Kinofilm "Verschwende Deine Jugend" mit Tom Schilling ruiniert (der 2003 mit nicht mal 120.000 Zuschauern ziemlich floppte). Und so ruiniert dieselbe Firma nun ihr 70er-Jahre-Softporno-Ära-Komödchen "Pornorama": Anfangs ist das ganz lustig, vor allem wegen der Originalausschnitte aus alten Aufklärungsfilmen. Dann zieht es sich und zieht sich und wird filmbranchen-insiderig, als der Hobby-Softpornoregisseur (Tom Schilling) nach der kommerziell vermurksten Premiere seines Films vom Leiter der Hofer Filmtage (Heinz Badewitz) zu den Hofer Filmtagen eingeladen wird. Dort wird der Hobby-Softpornoregisseur auf der Bühne gefeiert und nutzt die Gelegenheit, seiner Liebsten endlich seine Liebe zu erklären.


Mitleid mit Niels Ruf?

Niels Ruf & "Kulturreporterin" Agnieszka Hendel
Niels Ruf und seine leider selten zu Wort kommende "Kulturreporterin" Agnieszka Hendel © SevenSenses GmbH
Man braucht kein Mitleid mit Niels Ruf zu haben, der ja schon in seinen wilden Jahren erwachsen war, schrieb Peer mit Recht in der "FAZ". Wenn man (wie ich) im Studio saß, in dem Ruf jetzt seine Shows aufzeichnet und mit ansieht, wie da Martin Semmelrogge seinen Terrier "Platz und Rolle" machen lässt, hat man aber doch etwas Mitleid. Comedy in Echtzeit zu machen, ist ein harter Job. Trotzdem natürlich ist Niels Rufs Show auf dem Pay TV-Sender "Sat.1 Comedy" besser als alles, was das richtige Sat.1 an Comedy sendet.


Leo Kirchs rundum scharfe Sicht

Als ich beim Altpapierschreiben nach Webseiten von Leo Kirch-Firmen suchte, stieß ich auf den "sport1.de"-Bericht "Kirch plant Rückkehr in deutschen Fußball", der vor kurzem aus dem "Spiegel", aber auch "aus Insiderkreisen" zitiert. Das ist daher ganz interessant, weil "sport1.de" zu dem Unternehmen "EM.Sport Media" gehört, das ziemlich sicher zu Leo Kirchs EInflussbereich gehört. Und es ist ganz lustig, weil Kirch bekanntlich "wegen seiner Zuckerkrankheit fast blind ist" (das ist natürlich nicht lustig) und die Kirch-Firma das aufpoppende Kirch-Foto mit großartig passender Kontext-Werbung umrahmte.


Sie waren immer Würmer

Hugo Egon Balder geht jetzt u.a. mit "Genial daneben" (© Sat.1/ Willi Weber) für Roger Schawinskis Nachfolger auf Publikumsfang. Einst war er Helmut Thomas Wurm.
Eine der Erkenntnisse des ehemaligen Sat.1-Chefs Roger Schawinski in seinem Buch: "Wir hatten gehofft, dass der Köder diesmal dem Fisch und dem Angler zugleich schmecken würde, aber wir Macher hatten den Schmaus vorwiegend mit unserem eigenen Gaumen abgeschmeckt. Das war eine Falle". Der Schmaus, den er meint, ist "Blackout"; das Zitat stammt aus dem Kapitel, das das "Zeit"-Magazin (auf dem Schawinski einen Sat.1-Wasserball zerplatzen lässt) als Vorabdruck brachte. Wenn man die Zeilen trotz der preiswerten Küchenmetaphorik ernst nehmen will, ist das eine schön demokratische Perspektive, die auf ein vermutlich unauflösbares Dilemma verweist. Können in Systemen, die darauf basieren, dass die einen die anderen angeln, die Köder dennoch allen schmecken? Jedenfalls überraschte mich die Suche nach dem Vater der ursprünglichen Metapher ein wenig. Helmut Thoma zitiert sich auf der von herausragendem Selbstbewusstsein geprägten Webseite helmutthoma.de ("one man show") aus einem "Spiegel" vom Oktober 1990 so: "Der Zuschauer darf sich seine Regierung wählen, also auch sein Fernsehprogramm. Ich wundere mich auch hin und wieder über die Wahl, aber der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Und wir diskutieren aus der Angler-Perspektive. Sehen Sie, es war das Missverständnis in vielen öffentlich-rechtlichen Anstalten, dass sie glaubten, ihr eigener Geschmack müsse auch der der Masse sein. Die haben jetzt 40 Jahre Zeit gehabt, die Leute zu diesem höheren Geschmack zu erziehen, geholfen hat’s nix." Ich dachte immer (vermutlich, weil man Medienösterreichern immer formale Höflichkeit unterstellt) und schrieb früher auch mal, dass auch Thoma netterweise von Ködern geredet hätte. Aber es waren doch immer Würmer.